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Homeland Europe
Heimat EuropaPorträts. Für viele Menschen, die familiäre Wurzeln beidseits der Grenzen haben, ist die EU-Erweiterung längst Realität. Und sie profitieren im Berufs- wie im Privatleben von Sprach- und Kulturkenntnissen. Fünf Lebensentwürfe.
Von Gerlinde Pölsler. Erschienen in Profil extra "Wirtschaftsraum Zentraleuropa"
Der 4. November 1956, ungarisch-österreichische Grenze, nachts. Christa Hasenöhrl, sieben Jahre alt, duckt sich neben ihren Eltern und den zwei Brüdern ins Gebüsch. Nur wenige Meter von ihnen entfernt patrouilliert ein russischer Soldat. Christa, der Jüngsten, hält der Vater den Mund zu, damit sie ja keinen Ton von sich gibt. Die Familie bleibt unbemerkt. Es gelingt ihr, bis nach Wiener Neustadt zu gelangen, wo Christas Vater Georg Geschäftsfreunde von früher hat (die Familie hatte bis zur Enteignung 1948 eine Ziegelei in Sopron besessen). Unliebsame politische Äußerungen hatten ihm jedoch ein Jahr Gefängnis und sogar Folter eingebracht. 1956 wurde er freigelassen. Als die Sowjetunion den Aufstand der Bevölkerung brutal niederschlug, packten die Hasenöhrls rasch ein paar Sachen und machten sich auf den Weg.
Endstation Österreich. In Wiener Neustadt wollte die Familie eigentlich nur kurz bleiben – das eigentliche Ziel war Amerika. Doch kurze Zeit später starb der Vater, und unter diesen Umständen entschied sich seine Frau mit den drei Kindern zum dauerhaften Aufenthalt in Österreich. Tochter Christa, die infolge ihrer Heirat heute Pölzlbauer heißt, wurde Pychotherapeutin und ist hier zu Lande außerdem als Proponentin des Frauenvolksbegehrens und als ehemalige Kandidatin für das Liberale Forum bekannt.
Enge Verbindungen zwischen Westungarn, der Slowakei, Südmähren, Wien und Niederösterreich gab es nicht nur zu Zeiten der Monarchie. Auch während der Ära des Eisernen Vorhangs kamen Menschen von der einen Seite auf die andere, freilich mehrheitlich Menschen von Ost nach West: Die Leute flüchteten, suchten Arbeit oder kamen manchmal auf Grund persönlicher Beziehungen. Aus Ungarn machten sich 1956, nach dem sowjetischen Einfall, Hunderttausende auf den Weg nach Westen.
Auch aus der Tschechoslowakei kam es Ende der sechziger Jahre, nach dem Prager Frühling, zu einer Einwanderungswelle, wenn auch in viel geringerem Ausmaß als aus Ungarn. Zwischen 1970 und 1979 wurde an rund 2500 Tschechen die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. Auch bald nach dem Zusammenbruch des Kommunismus machten sich viele auf die Wanderschaft: wegen der krassen Einkommensunterschiede zum einen Arbeiter, zum anderen junge Leute, die hungrig nach Karriere und Selbstständigkeit waren und denen es in ihrer Heimat zu langsam voranging.
Nun, historisch gesehen nur noch einen Augenblick vor der EU-Erweiterung, knüpfen viele dieser Menschen an ihre Vergangenheit an und nehmen durch ihre Lebensweise die Integration in ihrem persönlichen Umfeld praktisch vorweg. Gegenüber der großen Mehrheit jener, die bisher nur „einseitig“ leben, haben sie vielfach enorme Vorteile: Vergleichsweise leicht können sie sich beidseits der alten Trennlinien bewegen, können ihre Erfahrungen, Sprach- und Kulturkenntnisse nutzen. Der Vater der Familie Hasenöhrl beispielsweise entstammte einer deutschen, einige Generationen zuvor nach Ungarn eingewanderten Familie, die Familie der Mutter war kroatischstämmig und im Burgenland ansässig gewesen.
Unter anderen Umständen als Pölzlbauer, jedoch auch ohne lange Planung oder Vorbereitung, verschlug es die Ungarin Katalin Payer nach Österreich. Im Jahr 1970 stand die damals Siebzehnjährige Auto stoppend an einer Straße am Balaton in der Gegend ihres Herkunftsortes Siófok. Aufgelesen wurde sie vom Wiener Neustädter Franz Payer. „Es war die erste Autostopperin, die ich je mitgenommen habe – und die letzte“, erinnert er sich. Bereits drei Monate später waren die beiden verheiratet.
Jahrelang geplant war dagegen die Übersiedelung der heute 31-jährigen Hana Cygonková aus der Tschechoslowakei in den Westen. „Mit dreizehn habe ich beschlossen, ich werde flüchten“, berichtet sie. „Mein Plan war: Ich werde zuerst in der DDR studieren und dann weiter nach Westdeutschland flüchten.“ Cygonková war im südmährischen Zlín in einer äußerst prowestlich orientierten Familie aufgewachsen: Ihre Eltern waren 1968 nach Hessen gezogen, im Dezember 1969 allerdings wieder nach Hause zurückgekehrt.
Sprachen sprechen.In den folgenden Jahren bekam das Paar jedoch wegen seines West-Aufenthalts immer wieder Ressentiments zu spüren. „Der Tenor bei uns zu Hause war daher, milde gesagt, nicht unbedingt pro-system-orientiert“, sagt Cygonková. „Und seit ich denken kann, haben wir immer ORF gesehen. Es war mir also in die Wiege gelegt, dass ich irgendwann in den deutschsprachigen Westen komme.“ Schon als Schülerin beherrschte sie die deutsche Sprache. Ihr weiterhin beibehaltenes Ziel, per Flucht in den Westen zu gelangen, war schließlich nicht mehr notwendig: Während der Samtenen Revolution im Jahr 1989 maturierte sie gerade. Ein Jahr später fand sie einen Job in Wien, übersiedelte und inskribierte an der Wirtschaftsuniversität.
Heute fungiert Cygonková als Pressesprecherin der Erste Bank, zuständig für Zentraleuropa. Allein die Tatsache, dass sie neben Deutsch und Englisch auch fließend Tschechisch, Slowakisch und Russisch spricht, ist bereits ein enormer Vorteil. Vor allem aber, meint sie, mache sie die Zugehörigkeit zu beiden Seiten und die Kenntnis sowohl der östlichen Nachbarländer als auch Österreichs zur richtigen Frau für diesen Job: „Ich werde von den Mitarbeitern in den Erweiterungsländern als eine von ihnen empfunden. Wenn ich etwas sage, wird es nicht als Befehl verstanden, sondern als Empfehlung.“ Ihr Heimweh hält sie dadurch im Zaum, dass sie zwar in Wien lebt, aber viel in Zentraleuropa unterwegs ist.
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus begannen viele Menschen ihre Verbindungen in die alte Heimat wieder zu intensivieren und die neuen Möglichkeiten beim Schopf zu packen. Katalin Payer, die sowohl bei den Geschäften ihres Mannes – einst Antiquitäten-, später Teehandel und Porzellanherstellung – eingestiegen als auch selbst Unternehmerin geworden war, kaufte 1991 ein Haus im westungarischen Ferteszöntmiklós und gründete dort ein Import-Export-Handelsunternehmen, welches sie bis heute führt.
Etliche derjenigen mit Ost-West-Biographieführen nun geradezu ein Nomadenleben. Filip Simek, im tschechischen Budweis geboren, ist heute gewissermaßen an vielen Orten gleichzeitig zu Hause. 1979 war er, damals neun Jahre alt, mit seinen Eltern als Flüchtling über Jugoslawien nach Österreich gekommen.
Nützliche Kenntnisse. Sein Vater kehrte nach Prag zurück und machte sich dort 1992 mit dem Beratungsunternehmen Profilconsult selbstständig. Der Sohn hingegen blieb vorerst in Österreich und gründete das Telekomunternehmen TCA mit Sitz in Kittsee im österreichisch-ungarisch-slowakischen Dreiländereck. Nachdem er sein Unternehmen verkaufen konnte, arbeitet er nun in der Beratergesellschaft seines Vaters mit. Die beiden verwerten dort ihre Sprach- und Landeskenntnisse sowohl Ost- als auch Westeuropas, indem sie Unternehmer aus der EU beraten, die in Tschechien und der Slowakei aktiv werden wollen.
Simek verbringt nach wie vor viel Zeit in Wien und Umgebung, hält sich aber auch oft in der Slowakei auf, woher seine Großmutter stammt, und dort wiederum in Bratislava – aus dieser Stadt kommt seine Lebensgefährtin. Und natürlich ist er immer wieder in Prag. Die Leichtigkeit, mit der er sich nach Belieben hin- und herbewegen kann, ist Simek wohl bewusst: „Ich habe überall, in allen drei Ländern, Wurzeln, und ich komme überall bestens zurecht.“
Ähnlich mobil verläuft das Leben des gebürtigen Tschechen Tomas Padera. Er übersiedelte 1990 mit seiner Familie nach Wien – sein Vater hatte einen Job in der Botschaft bekommen. Da Padera in Österreich zur Schule ging, eignete er sich sehr gute Deutschkenntnisse an. Nach drei Jahren kehrte die Familie Padera nach Hause zurück, Tomas fühlte sich Österreich aber weiterhin verbunden und kam immer wieder auf Urlaub. Später heuerte er beim tschechischen Telekom-Unternehmen Cesky Telekom an. „Dort wussten alle von meiner Neigung für Österreich“, berichtet Padera.
Traumberuf. Als schließlich jemand für die Bearbeitung der Märkte in Österreich und Ungarn gesucht wurde, war es nahe liegend, dass ihm dieser Job offeriert wurde: „Sie wollten jemanden haben, der nicht nur die Sprache, sondern auch das Land kennt.“ Heute lebt er die Hälfte seiner Zeit aus dem Koffer: Jede zweite Woche verbringt er mehrere Tage in Wien, weitere regelmäßige Stationen sind Budapest, München, Zagreb und Prag.
Menschen mit solchen Lebensentwürfen sind nicht nur selbst sehr mobil, sie stellen vielfach auch weitere Verknüpfungen zwischen Hüben und Drüben her: Sie gründen binationale Familien, motivieren andere dazu, sich ebenfalls großräumiger zu bewegen, und regen mitunter auch grenzüberschreitende Projekte und Unternehmensgründungen an.
Christa Pölzlbauer und ihr Bruder Sándor Hasenöhrl sind solche Initiatoren. Hasenöhrl besitzt ein Softwareunternehmen in Zürich und holte noch zu kommunistischen Zeiten ungarische Praktikanten in sein Büro. Mittlerweile gibt es sogar eine eigene Filiale in Budapest. Außerdem riefen die Geschwister einen Preis für Verdienste um die Demokratie ins Leben: den Global Democracy Award. Die Trophäe soll alle zwei Jahre vergeben werden und jeweils jene drei Staaten auszeichnen, welche die meisten Demokratisierungsfortschritte gemacht haben.
Im Jahr 2001 wurde die Initiative erstmals präsentiert, die erste Rangliste wurde kürzlich vorgestellt. Organisatorisch wollte man den Preis sowohl in „alten“ Demokratien – in der Schweiz und Österreich – als auch in einer „jungen“ verankern, und dabei war es für sie keine Frage, dass dies Ungarn sein sollte. Nun gibt es einen Verein mit Sitz in Wien und Zürich sowie eine Stiftung in Budapest. An der Initiative sind inzwischen Politiker, Wissenschafter und auch Medien aus mehreren Ländern beteiligt.
Auf vielerlei Arten will auch Katalin Payer Ost und West einander näher bringen. Gemeinsam mit ihrem Mann initiiert sie grenzüberschreitende Projekte und Seminare. In Westungarn betreut sie Werbekampagnen für Wiener Neustadt als Einkaufsstadt, in der Porzellanmanufaktur ihres Mannes ist ein ungarischer Porzellanmaler beschäftigt. Derzeit ist Payer gerade damit beschäftigt, ein Netzwerk aus bis zu 200 ungarischen und österreichischen Unternehmerinnen aufzubauen. Und ihren vier Töchtern erleichterte Payer den Bezug zu ihrem Herkunftsland, indem sie diese selbstverständlich mit Ungarisch als Muttersprache aufwachsen ließ.
Wenn das Leben über längere Zeit in mehreren Ländern stattgefunden hat, bringt dies für viele das Gefühl einer mehrfachen Zugehörigkeit mit sich. „Wenn ich in Ungarn bin, fühle ich mich als Ungarin, wenn ich in Österreich bin, als Österreicherin“, meint Pölzlbauer. Die beiden Vielreisenden Padera und Simek sehen sich schlicht als „Europäer“.
Gleichwertige Partner. Konflikte und Benachteiligungen, mit denen sich Migranten üblicherweise herumschlagen müssen, treffen solche Menschen zwar in abgemilderter Form, freilich bleiben sie aber auch für sie nicht völlig aus – nicht alles ist pure Harmonie. „Für die Menschen in Osteuropa ist es wichtig, dass sie das Gefühl haben, als gleichwertige Partner ernst genommen zu werden“, glaubt Cygonková. Zumindest in den neunziger Jahren hätten viele „Leute aus Westeuropa dazu geneigt, den Menschen in Osteuropa die Welt zu erklären und sie zu behandeln, als wären sie gerade vom Baum gekommen“, erinnert sich Cygonková.
Oft ist es aber auch andersherum: „Wenn ich in Tschechien bin, versuche ich Partei für Österreich zu ergreifen, und umgekehrt“, sagt Cygonková. „Das ist nicht immer leicht.“ So versuche sie beispielsweise in Tschechien zu erklären, warum das Thema Temelin oder die Benes-Dekrete in Österreich bestimmte Reaktionen hervorrufen, und finde sich dann in „hitzigen Debatten“ wieder.
Menschen mit solchen Zwei-Länder-Biografien übernehmen jedenfalls nicht selten Vermittlerrollen. Und diese Rollen erleben sie auch selbst ganz bewusst. Cygonková: „Ich bin jetzt dort, wo ich immer sein wollte: Ich wollte immer eine Mittlerin zwischen West und Ost sein.“
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Homeland EuropeTo have familial roots on both sides of the border is already reality within the EU. Five portraits by Gerlinde Pölser.
To have familial roots on both sides of the border is already reality within the EU. Five portraits by Gerlinde Pölser.
Until now Slovakia has had only a few women's issues web sites, which were rarely visited by 'outsiders'. But with feminet.sk, which is connected to the popular changenet.sk portal (a website specialising in non-governmental sector), the community has opened up to the wider public.
At 18. March 2002 a new election-critical internet project was launched http://www.hlidacifena.cz.
The aim of hlidacifena.cz is to support the entry of women into politics and to contribute the feminisation and improvement of czech political scene.
Minister for European Affairs Danuta Hübner has won the "Statesman of the Year" title awarded by readers of the Brussels-based "European Voice" weekly for her role in encouraging Poles to vote for EU membership. European citizens voted for the nominees within the framework of a 3rd edition of the "EV50 The Europeans of the Year" contest.
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